Rezensionen – Interviews – Publikationen
ACQUA Wie die Steine
Berlino Magazine

MUT
Theater Delphi, Berlin September 2019 &
Ackerstadt Palast, Berlin April 2017
Tanzschreiber
Körperliches Zeitungslesen
6. April 2017, von Charlotte Riggert

Foto Hiroshi Makino
Lesen von gedruckten Zeitungen
Im Tanzsolo „MUT“ widmet sich die Motimaru Dance Company Fragen zum Verhältnis zwischen Subjekt und Welt.
Wir betreten das kleine Studio des Acker Stadt Palasts in völliger Dunkelheit. In Dreiergruppen werden wir von einem Mitarbeiter mit einer kleinen Taschenlampe zu unseren Plätzen geführt. Die Dunkelheit schärft die Aufmerksamkeit, und gebannt warte ich darauf, dass mein Sehvermögen zurückkehrt. Die Stille, die mit der Dunkelheit einhergeht, lässt das Knarren des Holzbodens und die Klänge der Klangschale, die nun durch den Raum schweben, besonders laut erscheinen. „Wie oft kann ich nicht sehen, was vor mir liegt?“ – so lautet der Text auf dem Veranstaltungsflyer. Diese Frage leitet den Abend ein und lässt sich durch das Verlangen zu sehen – das zu einer echten Dringlichkeit anwächst – unmittelbar erfahren.
Langsam werden Umrisse sichtbar. Die Musikerin Hoshika Yamane, die den Abend mit ihrer Live-Musik mitgestaltet, hat dezent am rechten Bühnenrand Platz genommen; über die gesamte Länge der Bühne erstreckt sich ein Baldachin aus Zeitungen, der durch die Luftbewegung sanft in Schwingung versetzt wird. In der Mitte lässt sich – unter einem Haufen weiterer Zeitungen – die Tänzerin Tiziana Longo erahnen, die auch die Choreografie entworfen hat; wie sich später herausstellt, sind diese Zeitungen zu einem Umhang zusammengefügt. Dieser Zeitungsberg verharrt zunächst völlig regungslos, selbst als der Raum plötzlich ohrenbetäubend von Stimmen erfüllt wird. Wir hören Donald Trump, wie er auf rassistische und menschenverachtende Weise gegen „die Mexikaner“ hetzt; wir hören Reporter, die von schrecklichen Ereignissen aus aller Welt berichten.
Das Thema der Performance scheint zumindest in Ansätzen vorgegeben: Wie begegnen wir eigentlich der Weltpolitik oder schlicht den Nachrichten? Nachrichten, die zwar schrecklich sind, uns aber nicht dazu bewegen, unsere Komfortzone zu verlassen – Nachrichten, die abstrakt bleiben, solange sie nicht unsere persönliche Betroffenheit berühren.
Im weiteren Verlauf wird diese Frage nach der Wirkung der medialen Informationsflut auf die eigene Wahrnehmung mit persönlichen Geschichten von Frauen verknüpft, die als Ikonen gelten und die widersprüchlichen Facetten unserer Gesellschaft aufzeigen sollen. Dies geschieht nicht mehr durch Aufnahmen oder Ähnliches, sondern allein durch den Tanz: Der Fokus verlagert sich nun ganz auf Tiziana Longo, die sich unter dem Zeitungsstapel aufzubäumen beginnt, wieder zusammensinkt und schließlich zum Stehen kommt. Die eindringlichen Klänge, die Hoshiko Yamane bisweilen durch beharrliches Violinspiel erzeugt, treten in den Hintergrund, so fesselnd ist die körperliche Bewegung. Das bodennahe Rollen unter dem Mantel wirkt beinahe schamanisch; die Schritte, die Longo macht, sind nicht als solche zu erkennen.
Die Tanzästhetik ist bemerkenswert, da sie ebenso vielfältig ist wie die Frauen, von denen hier die Rede ist. Mal ist der Tanz wild und entfesselt – etwa in einer der letzten Szenen, wenn sich die Tänzerin nackt im Vorhang aus Zeitungen wälzt und ihr langes Haar fliegen lässt –, mal wirkt die Bewegung fast unbeholfen zittrig, ohne dass ein durchgängiger Stil erkennbar wäre. Lediglich Anklänge an die japanische Tanzform Butoh blitzen in den schamanischen, wilden und grotesken Momenten immer wieder auf, ohne die Performance jedoch zu definieren. Zwar lassen sich die Frauenfiguren nicht zwangsläufig konkreten Persönlichkeiten zuordnen, doch anhand der unterschiedlichen Tanzbewegungen und Kostüme – die von Ganzkörperverhüllung über Kleider bis hin zu Nacktheit mit High Heels reichen – lassen sich durchaus weibliche Gestalten identifizieren.
Hier erleben wir eine fortwährende Metamorphose des Körpers der Tänzerin, die in Interaktion mit den über ihr raschelnden und schwingenden Nachrichtenmeldungen tritt. Berührt es mich, wenn ich Donald Trumps sexistische Rede höre? Ja – Longo scheint uns dies zu zeigen und formuliert körperlich, dass Informationen unerlässlich sind, um die eigene kritische Haltung zu stärken.
Zitty Berlin

Foto Hiroshi Makino

Foto Hiroshi Makino
In ihrem Solo setzt sich die Tänzerin und Choreografin Tiziana Longo mit der täglichen Nachrichtenflut auseinander und hinterfragt, was davon tatsächlich bei uns ankommt. Sie verknüpft diese mediale Reizüberflutung mit Forschungsergebnissen, die auf Gesprächen mit Geflüchteten basieren. Begleitet wird die knapp 60-minütige Performance von eindringlicher Live-Musik von Hoshiko Yamane.
Das Tanzsolo „MUT“ setzt unser eigenes Leben in Bezug zu der Nachrichtenflut, die uns minütlich erreicht, ohne jedoch viel zu bewirken. Stattdessen befindet sich der Körper der Tänzerin in ständiger Metamorphose und verwandelt die Geschichten verschiedener Frauen in Sinnbilder für die widersprüchlichen Facetten unserer Gesellschaft. Zeitungen erwachen zum Leben, knistern, blähen sich auf und explodieren! Basierend auf zahlreichen persönlichen Gesprächen mit Geflüchteten aus aller Welt schärft MUT unsere kritische Haltung und erzeugt – Schicht für Schicht – ein Gefühl der Dringlichkeit durch die physische Interaktion, etwa mit Live-Musik und Installationen.
MUT setzt unser eigenes Leben in Bezug zu der Nachrichtenflut, die uns minütlich erreicht, uns aber selten tiefgreifend verändert. Stattdessen befindet sich der Körper der Tänzerin in ständiger Metamorphose und verwandelt die Geschichten verschiedener Frauen in Sinnbilder für die widersprüchlichen Facetten unserer Gesellschaft. Zeitungen erwachen zum Leben, knistern, blähen sich auf und explodieren! Basierend auf zahlreichen persönlichen Gesprächen mit Geflüchteten aus aller Welt schärft MUT unsere kritische Haltung und erzeugt – Schicht für Schicht – ein Gefühl der Dringlichkeit durch die physische Interaktion mit Live-Musik, Installationen und dem Publikum.
MUT – das deutsche Wort für Courage – bezeichnet im Altägyptischen die Urgottheit des Wassers, die kosmische Mutter allen Lebens. Pressestimmen: „Bemerkenswert ist die Ästhetik des Tanzes, denn sie ist so vielfältig wie die Frauen, die im Mittelpunkt dieses Werks stehen.“
Japan
Theater XCAI Tokyo, 2017 & 2018
Artissue
Mariko Miyagawa, Tanzforscherin
Tiziana Longo, Solo-Performance „MUT“
14. Februar 2017, Veranstaltungsort: Theater X

Foto Hiroshi Makino
Die Verbindung zwischen Welt und Bühne
Der stärkste Antrieb, eine Theaterkritik zu verfassen, ist jener „Schreibdrang“, den eine Aufführung auslöst. Sie mag bewegend, schockierend oder problematisch sein – in jedem Fall drängt es einen dazu, darauf zu reagieren. Ein solcher Impuls ist selten; nur wenige Aufführungen vermögen ihn hervorzurufen.
Diese Reihe erscheint zwar in unregelmäßigen Abständen, doch soll sie einen Raum bieten, um die Eindrücke und Gedanken zu teilen, die eine solch lebendige Aufführung beim Autor – der sie live miterlebt hat – hinterlassen hat. Übrigens: Während der Spielzeit im Februar (als zeitgleich zur Fachmesse TPAM in Yokohama zahlreiche Aufführungen in Yokohama und im Großraum Tokio stattfanden) blieb mir besonders die Performance von Tiziana Longo im Gedächtnis.
Es handelt sich um eine Solo-Performance. Der Name mag vielleicht unbekannt sein. Die aus Italien stammende Künstlerin kam nach Japan, nachdem sie im Archiv der Universität Bologna ein Video von Kazuo Ohno gesehen hatte; dort erlernte sie Butoh bei Yoshito Ohno und Mitsuyo Uesugi. Später betrieb sie Feldforschung zu traditionellen Tänzen in Japan und anderen Teilen Asiens und arbeitet seit 2010 gemeinsam mit Motoya Kondo in der in Berlin ansässigen „Motimaru Dance Company“. Ihr Butoh-Solo „MUT“ wurde am 14. Februar im Theater X aufgeführt. Betritt man den Zuschauerraum des Theater X, wird man von der Inszenierung überwältigt: Ein riesiger Vorhang – gefertigt aus aneinandergefügten Zeitungsseiten – spannt sich von der Bühnenrückwand über die Seitenbereiche bis hinauf zur Decke des Zuschauerraums. Durch gezieltes Straffen und Lockern entstehen Schattenspiele, die das Gefühl vermitteln, sich in einer gewaltigen Höhle aus Zeitungspapier zu befinden. Ein tiefer, glockenartiger Ton erklingt, es wird dunkel, und die Aufführung beginnt. Im Dämmerlicht sind Fernsehgeräusche und ein diffuses Rauschen zu vernehmen. Nachrichten in verschiedenen Sprachen – darunter Englisch und Japanisch – berichten von aktuellen Weltereignissen; man hört Schlagworte wie Präsident Trumps Äußerung, Mexikaner sollten das Land verlassen, oder Begriffe wie „Atomkraft“. Währenddessen erscheint eine Masse von Zeitungen, die solche Nachrichten vermitteln, auf der Bühne und bewegt sich auf unheimliche Weise. Die von der Decke hängenden Zeitungen blähen sich auf und bewegen sich, während sich die Form der Zeitungsmasse wandelt. Es ist eine wunderbare Performance-Kunst, die die Zuschauerplätze und die Bühne mit den eigentlichen Nachrichten und dem Bühnenraum verbindet. Der Zeitungsberg gerät allmählich in heftige Bewegung, stürmt – gleichsam eintauchend – auf den Zeitungsvorhang zu, der die Rückwand verdeckt, und kommt abrupt zum Stillstand.
Als die Zeitungsmassiv, die ihre Form bis dahin weitgehend bewahrt hatte, in sich zusammensackt, erscheint eine Frau in einem schwarzen Kleid; sie trägt einen Schleier, der – ähnlich einem Mantel und einem Niqab – nur die Augen freilässt, dazu einen Hut in Form einer großen schwarzen Rose und schwarze Handschuhe. Sie verhakt einen Fuß in den Zeitungen, bewegt sich zur Bühnenmitte vor und breitet langsam die Arme aus. Plötzlich winkelt sie Ellbogen und Handgelenke an und zieht sie zur Körpermitte (technisch gesehen wünschte ich mir hier etwas mehr Kraft, ein stärkeres „Eingraben“ ins eigene Fleisch sowie einen überraschenderen Rhythmus). Danach läuft sie mit erhobenen Händen umher – als blicke sie zum Himmel –, springt, greift nach einer erreichbaren Zeitung und bewegt sich über die Bühne; sie wirkt wie gefangen, leistet jedoch zugleich größtmöglichen Widerstand in diesem Raum. Schließlich steigt sie – als hätte sie etwas bemerkt – in den Zuschauerraum hinab, fixiert das Publikum mit dem Blick und umarmt eine Zuschauerin in der ersten Reihe (war es Zufall, dass es sich um Yoshito Ohno, Tizianas Lehrer, oder einen anderen Gast handelte?). Nach einem Blick in deren Augen kehrt sie auf die Bühne zurück. In dieser Szene, in der sie völlig verhüllt ist, tritt ihre Identität als Italienerin in den Hintergrund; stattdessen entsteht im Bewusstsein des Publikums das Bild einer muslimischen Frau. Hier verkörpert Tiziana eine Frau, die sich stumm an uns wendet; dies löst Ehrfurcht aus und schafft eine menschliche Begegnung auf nonverbale Weise. Sie strahlte eine solche Kraft aus.
Dann kehrt sie langsam auf die Bühne zurück und lässt sich in einen unordentlichen Haufen Zeitungen fallen. Diesmal trägt sie rote Handschuhe an den Armen, die sie aus dieser Position herausstreckt. Ihre Hände ruhen auf ihrem Rücken und bilden einen lebhaften Kontrast zu dem schwarzen Kostüm. Dieses Rot wird aufgegriffen durch ein blutrotes Garn, das sie aus dem Inneren ihrer Kleidung, auf Höhe der Körpermitte, hervorzieht. Schließlich legte sie ihren Mantel ab und zeigte sich als Frau in einem orangefarbenen Kleid. Sie nahm behutsam den Hut vom Kopf, und in dem Moment, als sie ihn – so schien es – an sich gedrückt hatte, ließ sie ihn plötzlich auf den Boden fallen. Dann lief sie umher und zerknüllte die Zeitung, die sich bis zur Decke erstreckte. Die Decke, die auf ihre Bewegungen reagierte, erinnerte an die Bewegungen eines Fötus im Mutterleib und verwirrte mich ein wenig. War das Spreizen der Beine oder das Zurückbeugen auf hochhackigen Pantoletten der Ausdruck einer Frau, die sich aus dem zuvor erwähnten, strengen Kostüm befreit hatte?
Doch diese Verwandlung, von der ich geglaubt hatte, sie würde hier enden, war noch lange nicht abgeschlossen. Als sie das Kleid ablegte, kam eine Haut zum Vorschein, die von den Knien bis zur Brust mit schwarzem Haar bedeckt war. Gerade als ich dachte, dass sie absichtlich.
Während sie wie bei einer Modenschau posierte und vorwärtsschritt, stieß sie ein bedrohliches Grollen in Richtung des Publikums aus. Die Erwartung, dass unter dem Kleid ein nackter Frauenkörper zum Vorschein kommen würde, wurde durch dieses seltsame, tierartige Wesen enttäuscht. Sie ließ den Schuh nur an einem Fuß hängen, versteifte ihren Körper, als hätte sie keine Kontrolle mehr über ihn, und bewegte sich roboterhaft. Wahrscheinlich war hier der Einfluss des Butoh-Tanzes spürbar, bei dem der Körper Bewegungen ausführt, die weit von alltäglichen Abläufen entfernt sind. Schließlich brach die immer schneller werdende Bewegung zusammen, und sie lehnte sich an den Stapel Zeitungen, mit dem sie zuvor noch gerungen hatte. Nach einer Weile löste Tiziana die an ihrem Körper klebenden Papierstreifen ab, und nach und nach kam ihre weiße Haut zum Vorschein. Schließlich war sie völlig nackt und berührte ihren Bauch wie eine Schwangere. Mit einem Gesichtsausdruck, der zwischen Lachen und Weinen schwankte, schlug sie die Zeitungen um ihren Körper; die Bewegungen wurden dabei immer heftiger. Die Papierstreifen gerieten durcheinander, der Oberkörper schwang energisch hin und her, und in einem Ausbruch aufgestauter Wut sprang sie vom Boden ab. Schließlich kauerte sie sich zusammen, als hätte sie ihre gesamte Energie verbraucht; während das Licht erlosch, war ein Flüstern zu hören – „mein / Kind / wartet“ –, und der Vorhang fiel.
Als Tiziana beim Schlussapplaus wieder auf der Bühne erschien, hielt sie eine Schachtel in der Hand, aus der jeder Zuschauer ein kleines, als Valentinsgeschenk gedachtes Päckchen erhielt.
Die Verpackung bestand aus Zeitungspapier; darauf klebte ein Zettel mit der Aufschrift „Von dem, der dir am meisten wehgetan hat“, und das Ganze war mit demselben roten Garn verschnürt, das auch in der Performance verwendet worden war. Unmittelbar nach der Aufführung war der Eindruck, den die Künstlerin hinterlassen hatte, stark von der von ihr geschaffenen Welt geprägt, doch es blieb ein Gefühl, das sich schwer in Worte fassen ließ. Ein Grund dafür war die letzte Zeile. Ich hatte sie zunächst als Anspielung auf eine Schlange gedeutet. Doch selbst ohne diese Zeile trat das Attribut „Frau gleich Mutter“ in den Vordergrund – durch die Inszenierung, die im Verlauf des Stücks die Weiblichkeit betonte, sowie durch die Szene, in der sie nackt auf dem Boden lag und ihren Bauch berührte. Tatsächlich wäre es jedoch zu kurz gegriffen, die Frau allein auf das gebärende Geschlecht zu reduzieren; vielmehr muss die Vielschichtigkeit der Frau berücksichtigt werden, die sich in der zeitlichen Wandlung widerspiegelt: von der Zeitung über den Niqab und das Kleid bis hin zum tierartigen Wesen. Es schien, als wäre es verschwunden. Ehrlich gesagt war ich enttäuscht darüber, dass Frauen letztlich darauf reduziert wurden, „Kinder zu gebären“, und dafür gepriesen wurden.
Doch als ich beim Schreiben auf die Aufführung zurückblickte, erinnerte ich mich daran, dass der gesamte Theaterraum ursprünglich einem von Zeitungen umschlossenen Mutterleib glich. In diesem Raum voller Nachrichten wiederholen sich täglich die Ereignisse unserer Welt. Glück, Krieg, Diskriminierung, Armut – alles ist hier versammelt. Wie die Zeitung symbolisiert, bringen Menschen die unterschiedlichsten Dinge hervor: von warmen Momenten, die aus menschlichen Beziehungen entstehen, bis hin zu Gewalt. Wenn Frauen gleichbedeutend mit dem Geschlecht sind, das Kinder gebiert, dann sind es die von Frauen geborenen Menschen, die eine solche Welt erschaffen. Das Stück feiert nicht nur die Geburt des Lebens, sondern würdigt auch die Frau, die dieses Leben hervorbringt und sich zugleich darauf vorbereitet, sich der ganzen Welt zu stellen. Auch der Moment der Gewalt ging von uns aus. Jeder Einzelne muss sich dieser Realität und einer Welt voller Nachrichten stellen. Vielleicht steht Tizianas letzter Satz stellvertretend für uns, die wir in einer Zeit der Betäubung zurückgeblieben sind.
Je nach Betrachtungsweise mag es hoffnungslos erscheinen. Doch als ich das letzte Päckchen öffnete, kam ein kleines rotes Herz zum Vorschein, begleitet von der Botschaft: „Bitte verzeih mir, du wunderbarer Mensch.“ Vielleicht bedeutete dies, dass das Herz zurückkehren würde; inmitten der Zeitungsschnipsel, die ein hübsches Haus nachbildeten, lag ein rotes Herz. „Vergebung“. Das wird nicht leicht sein. Doch selbst in dieser Situation müssen wir unseren Platz in dieser Welt behaupten, um unser Herz nicht zu verlieren.



By Tetsuya Miyata

Foto Hiroshi Makino
Here below a part of the review written by Miyata:
This theme is part of the "13th Theater X International Performing Arts Festival 2018". Tiziana Longo and Motoya Kondo, who appeared on the day, studied under Yoshito Ohno at the Butoh Institute of Kazuo Ohno, and Sasa Inoue studied under Hironobu Oikawa. Tiziana and Kondo are based in Germany and have already reached the veteran territory. All three have renewed the impression of traditional Butoh.
In the solo MUT Tiziana has a bold stage art using newspapers. This installation and Tiziana are united but separated. The newspaper turns over like our own skin. Tiziana seems to go back and forth between this world and another world. In this way, Tiziana expressed the sense of materiality and the sense of life existence as Butoh, in its deep essence.
このテーマは「第13回シアターΧ国際舞台芸術祭2018」の一環である。この日出演したティツィアナ・ロンゴと近藤基弥は大野一雄舞踏研究所で大野慶人に、居上紗笈は及川廣信に師事した。ティツィアナと近藤はドイツに拠点を構え、居上は既にベテランの領域に達している。三者とも従来の舞踏の印象を一新している。
ティツィアナは、新聞紙を用いた大胆な舞台美術が展開している。このインスタレーションとティツィアナは、一体になりながらも離れていく。新聞紙が自己の皮膚のようにめくれていく。ティツィアナが、現世と常世を行き来しているように見える。このように、物質感と生命感を、ティツィアナは舞踏として表わしたのである。
Suzy Goes See
Spielort: The Old 505 Theatre (Newtown, NSW), 6.–10. Juni 2018
Regie, Konzept, Choreografie, Tanz: Tiziana Longo

Foto Hiroshi Makino

Foto Hiroshi Makino
Die Performance beginnt mit einem Klangteppich aus Nachrichtenbeiträgen aus aller Welt und in verschiedensten Sprachen – viele davon fremd und unverständlich, doch der Ernst in jeder Stimme ist unverkennbar. Hidemi Nishidas Bühnenbild ist ein imposantes Werk, das vollständig aus Zeitungspapier und Klebeband besteht; wir werden förmlich davon verschluckt – ein Material, das uns erschreckend vertraut und zugleich verführerisch erscheint. Eine Gestalt beginnt sich zu bewegen, und ein Haufen ausrangierter Zeitungen nimmt allmählich menschliche Züge an.
Tiziana Longos Tanzperformance „Mut“ lässt sich als Auseinandersetzung mit dem anhaltenden, unaufhörlichen Angriff von Gesellschaft und Kultur auf das Frausein verstehen, wobei der Fokus besonders auf dem weiblichen Körper und dessen Bekleidung liegt. Ebenso lässt sich das Werk als Reflexion über Medieninformationen und den vergeblichen Versuch deuten, inmitten der Flut kommerzieller und politischer Interessen der Verlagswelt die Wahrheit zu finden. Es ist ein hochaktuelles Stück, das einen Nerv trifft.
Die Musik von Hoshiko Yamane ist sensationell und von unglaublicher dramatischer Wucht; sie evoziert eine Welt, deren psychologische Grundstimmung von düsterer Vorahnung geprägt ist. Longos Choreografie wirkt befreit und fantasievoll; sie versprüht einen dystopischen Glamour und erzeugt atemberaubende, ästhetisch raffinierte und fesselnde Bilder – auch wenn sie nicht immer hinreichend zum Nachdenken anregt. Als Performerin wirkt Longo in Passagen, die eher Groteskes verlangen, bisweilen auf irritierende Weise ätherisch; doch sobald sie die schweren Kostüme schließlich ablegt, führt sie die Show zu einem Abschluss, der ebenso bewegend wie unvorhersehbar ist.
Wir leben in einer Zivilisation, in der Männer sich das Recht herausnehmen, Frauen nach Belieben an die Genitalien zu grapschen; daher überrascht es kaum, dass Frauen ständig für ihr Aussehen kritisiert werden. Ganz gleich, welchen Körper wir haben oder wie wir uns kleiden – Frauen sind stets Freiwild. In einer Welt, in der wir es niemandem recht machen können, ist es ein Wunder, dass so viele von uns weiterhin in dem unstillbaren Bedürfnis gefangen sind, anderen zu gefallen.
MUT VON MOTIMARU: INTENSIV, DUNKEL, FEMININ
von Lynne Lankaster
Sydney Arts Guide
Regie, Konzept, Choreografie und Performance: Tiziana Longo
Musik: Hoshiko Yamane
Licht: Masaru Soga
Kostüme: Jean Bessel

Foto Hiroshi Makino
Tiziana Longo in MUT – „MUT“ von Motimaru ist das zweite Werk, das die Kompanie nach Sydney gebracht hat; letzte Woche habe ich ihre Produktion „TWILIGHT“ rezensiert. Motimaru ist eine Tanzkompanie, die von Motoya Kondo und Tiziana Longo in Tokio gegründet wurde und seit 2010 in Berlin ansässig ist; das Duo ist international sowohl als Lehrende als auch als Performer tätig. Ihr Hintergrund liegt in den darstellenden Künsten, dem modernen Tanz, den Kampfkünsten und dem Butoh. Motimaru versteht Tanz als eine Möglichkeit, die tiefere Realität unserer Existenz zu erfahren, und experimentiert mit der Entwicklung einer neuen, authentischen Tanzmethode jenseits fester Genre-Grenzen. Bei dem neuen Werk „MUT“ handelt es sich um ein Solo, das von Tiziana Longo choreografiert und aufgeführt wird.
Manche mögen es als intensiv, düster, klaustrophobisch und womöglich beängstigend empfinden. Laut den Ankündigungen zum Stück ist es eine Reaktion auf die endlosen täglichen Nachrichtenmeldungen über Katastrophen – Bombenanschläge, Terrorakte, Unglücke usw. –, die uns mit Informationen und emotionalen Reaktionen geradezu zu überfluten scheinen. Wir sind es gewohnt, die Zeitung zu lesen und sie dann beiseitezulegen – doch wie wäre es, wenn die Zeitung plötzlich lebendig würde? Der Titel „MUT“ steht für Begriffe wie Mutter (Mother), Mut (courage), Verstümmelung (mutilated), Gegenseitigkeit (mutual) und Multikulturalität (multiracial) und verweist auf die altägyptische Muttergöttin – und/oder vielleicht auf Mutter Erde?
Es ist ein Solo, das Geschichten vieler Frauen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturen aufgreift und darstellt – Frauen, die zu Ikonen geworden sind und für die widersprüchlichen Facetten unserer Gesellschaft stehen. „MUT“ thematisiert zudem Medieninformationen und deren Manipulierbarkeit sowie das unermüdliche Bestreben, die Wahrheit hinter verschiedenen Geschichten aufzudecken. Zugleich ist das Stück ein scharfer Kommentar zur Unterdrückung von Frauen und ihrem gesellschaftlichen Umgang sowie zur Wahrnehmung des weiblichen Körpers und dessen Verhüllung oder Enthüllung.
Das Bühnenbild von Hidemi Nishida – bestehend aus Zeitungsseiten und Klebeband – beherrscht den Raum auf klaustrophobische Weise. Teile davon schweben wolkenartig in der Höhe und scheinen sanft zu atmen, während am Boden zwei große Zeitungsstapel liegen (das Klebeband, das die Seiten zusammenhält, glänzt bisweilen wie Plastik), als wir – das Publikum – den Raum betreten.
Tropf, tropf, Rascheln, Rascheln … Hoshiko Yamanes Klanglandschaft ist unerbittlich und treibend; Stille wird von pochender, pulsierender Musik durchbrochen, ergänzt durch Voiceovers, Uhrenschläge und Telefonklingeln.
TWILIGHT
Energie schießt auf das Publikum zu.
Audrey Journal
Lauren Carrol Harris
Old 505 Theatre, Sydney, 29. Mai – 3. Juni 2018

Foto Anastasya Stolyarov
Kritik zu „Audrey“: Ein tiefschwarzer, körperbetonter Trance-Zustand, der die Tradition des japanischen Tanztheaters Butoh zu einer traumartigen, experimentellen Performance erweitert.
Eine kahle Bühne, wenige Scheinwerfer, zwei Körper, eine spärliche Klangkulisse. Es ist erstaunlich, wie viel Atmosphäre eine Inszenierung mit so wenig Mitteln erzeugen kann.
In den 45 Minuten ihrer Aufführung „Twilight“ setzt die Motimaru Dance Company minimale Effekte für eine maximale Wirkung ein. Sie erschafft einen tiefschwarzen, körperbetonten Trance-Zustand, der die japanische Tanztheater-Tradition des Butoh in eine traumartige, experimentelle Performance überführt.
Das Stück beginnt im tiefen Schatten, begleitet vom Rhythmus langsam herabtropfenden Wassers.
Minuten verstreichen, während zwei Körper langsam von einem einzelnen, über ihnen hängenden Scheinwerfer beleuchtet werden.
Ein Mann und eine Frau sitzen einander gegenüber; ihre Beine umschlingen den Oberkörper des jeweils anderen, ihre Gesichter sind von langem, schwarzem Haar verdeckt. Es sind die Körper von Motoya Kondo und der gebürtigen Italienerin Tiziana Longo – dem Duo der Motimaru Dance Company, das für zwei Vorstellungen im „The Old 505 Theatre“ in Sydney gastiert.
Obwohl ihre Gesichter verborgen sind und ihre Körper ineinander verschränkt, strahlt ihre Energie kraftvoll zum Publikum hin aus. Gemeinsam bilden sie eine Art atmendes Tableau, das langsam zum Leben erwacht. Sie verharren in Ruhe und sind doch voller Dynamik. Ihre intensive Körperbeherrschung wirkt keineswegs passiv; ihre Interaktion ist geprägt von einer gewissen gegenseitigen Abhängigkeit und Symbiose.
In den folgenden 40 Minuten loten sie, ausgehend von dieser innigen Verbindung, die Grenzen des Ausdrucks aus: Finger gleiten durchs Haar, Hände greifen zu, Gliedmaßen strecken sich aus; sie haken ihre Köpfe unter die Schultern des anderen, wiegen sich hin und her, bewegen sich heftig schaukelnd und ziehen sich schließlich auf den Boden zurück.
Begleitet wird dies von Hoshiko Yamanes Komposition – einer vorwiegend durch Zupfen der Saiten erzeugten Orchester-Musik –, die sensibel auf Momente der Stille reagiert und sich in den Höhepunkten des Stücks schichtweise und harmonisch aufbaut.
Der Spannungsbogen von „Twilight“ ist so tief in den Körpern der beiden Performer verwurzelt, dass der kurze, plötzliche Blick auf Kondos Gesicht fast einen Schreckmoment auslöst.
Butoh – eine avantgardistische Tanztheaterform, die aus den Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs hervorging und von der Ästhetik des deutschen Expressionismus geprägt wurde – wird oft als Tanz der Düsternis, der Dunkelheit und der Krankheit bezeichnet.
Und Motimaru ist in der Tat ein überaus ernsthaftes Duo. Sie gehen mit großer Überzeugung ans Werk, und alle stilistischen Merkmale des Butoh sind vertreten: blasse Körper, die sich als Silhouetten vor einem schwarzen Abgrund abzeichnen; ein Schwerpunkt auf visueller Wirkung; langsame, kontrollierte Bewegungen; ungewöhnliche körperliche Manipulationen; eine stark theatralische Ausrichtung.
Doch *Twilight* ist nicht düster. Es ist nachdenklich.
Auch wenn es verlockend ist, ihre verschmelzenden Körper als animalisch wahrzunehmen, lenken Longo und Kondo den Blick meiner Meinung nach eher auf das Menschliche und Elementare als auf die Vorstellung eines kreatürlichen Organismus. Sie bewegen sich am Boden, sind so nackt und geschlechtslos wie nur möglich und durchlaufen in ihrem Zusammenspiel von Sekunde zu Sekunde tiefgreifende emotionale Wandlungen.
Kondo und Longo zogen vor acht Jahren nach Berlin, nachdem sie ihre Tanzkompanie in Tokio gegründet hatten. Ihre Hintergründe führten dazu, dass sie Yoga, Kampfkunst und modernen Tanz miteinander verbinden – doch das wirkt keineswegs zusammengestückelt. Vielmehr haben sie einen Ansatz entwickelt, der Bewegungen schichtweise aufbaut und auf Uraltes zurückgreift, um etwas Neues und Zeitgenössisches zu erschaffen.
Dies ist ein Zeichen dafür, dass sich die im 20. Jahrhundert entstandene Kunstform des Butoh weiterentwickelt; umso bedeutender ist ihre Präsenz in diesem kleinen, von Künstlern geleiteten Theater im Westen von Sydney.
Die australische Theaterkultur ist stark sprachorientiert und lebt von Dialogen und Charakteren. Das ist keineswegs negativ, doch für einen Bewohner Sydneys ist es wunderbar, eine andere Art von Live-Performance erleben zu können – eine, die aus einer rein körperlichen, visuellen und akustischen Sphäre schöpft. Es geht mehr um das Bild und das Gefühl des Erschaffenen als um die Handlung; es ist eher mit zeitgenössischer Performance-Kunst verwandt als mit einem klassischen Theaterstück.
In ihren Anmerkungen zur Inszenierung verweisen Kondo und Longo auf die Entstehung des Homo sapiens aus dem Ur-Schlamm. Doch die Entwicklung dieser beiden Körper in *Twilight* lässt sich auf vielfältige Weise deuten: als Metapher für die Evolution, für eine Beziehung oder für das Leben von Anfang bis Ende.
Die Aufführung ist nicht rätselhaft, und doch fühlt es sich nicht richtig an, nach einer Botschaft oder einem expliziten Thema zu suchen. Motimaru schafft bildgewaltige, emotionale Werke, die man eher erleben als intellektuell durchdringen sollte.
Es ist ein reinigendes, meditatives Werk – eine Einladung, Kunst auf einer instinktiven Ebene zu erfahren, losgelöst von den Bildschirmen, Bildern und E-Mails des Alltags.

Foto : Natascha Morokhova

Foto : Natascha Morokhova
Lynne Lancaster
Sydney Arts Guide

Foto : Anastasya Stolyarov
Motimaru ist eine von Motoya Kondo und Tiziana Longo in Tokio gegründete Tanzkompanie, die seit 2010 in Berlin ansässig ist und international unterrichtet sowie auftritt. Ihr Hintergrund liegt in den darstellenden Künsten, dem modernen Tanz, den Kampfkünsten und dem Butoh. Motimaru versteht Tanz als eine Möglichkeit, die tiefere Realität unserer Existenz zu erfahren, und experimentiert mit der Entwicklung einer neuen, authentischen Tanzmethode jenseits fester Genre-Grenzen.
TWILIGHT, die erste von zwei Produktionen, die sie hier in Sydney aufführen, ist düster und geheimnisvoll, kraftvoll und hypnotisch; sie versetzt das Publikum in einen tranceartigen, meditativen Zustand. Beschwört das Werk womöglich die Erschaffung der Welt vor Äonen herauf? Es ist durchdrungen von den Urkräften der Natur und verbindet Stille mit kraftvoller Bewegung, lässt beides in Kontrast zueinander treten.
Die Klanglandschaft von Hoshiko Yamane umfasst tropfendes Wasser, einen immer wieder fallengelassenen Kieselstein, nächtliche Insektengeräusche, zugleich zartes Klimpern und stürmische, krachende Klänge sowie schnelle, anschwellende Musik von Bambusflöten.
Zu Beginn herrscht fast völlige Dunkelheit. Was schließlich sichtbar wird, wirkt wie ein einziger Organismus, besteht jedoch aus zwei eng ineinander verschlungenen Körpern – eine Verschmelzung von Yin und Yang? Kondo und Longo bleiben während fast der gesamten Aufführung in skulpturaler Umschlingung vereint. Meist sind sie miteinander verschmolzen, doch dann trennen sie sich explosiv voneinander oder finden in intensiver, leidenschaftlicher Umklammerung wieder zusammen. Da es sich um eine Performance im Stil des Butoh handelt, bewegen sich Arme und Beine in Zeitlupe gleitend. Die Hände wirken wie Spinnen, die sich langsam über das Universum der Haut bewegen. Auf ruckartige, wiegende Bewegungen folgen Rückbeugen; an manchen Stellen werden die Arme hochgehalten, die Hände in Winkeln, die an Stacheldraht erinnern. In einer Sequenz wirken die Tänzer, als würden sie unter Wasser schweben. Beide Performer haben langes, seidiges schwarzes Haar, das wie tintenschwarzes Mondlicht herabfällt.
TWILIGHT erforscht den Tanz auf der Grundlage des Butoh, hinterfragt den Sinn der menschlichen Existenz und versucht, durch die Beschwörung der Natur den eigentlichen Sinn des Lebens zu ergründen.
Rebecca Varydel

Foto Irigenia ProudActions
Die in Berlin ansässige Motimaru Dance Company – die eine Brücke zwischen japanischem Butoh, zeitgenössischer Performance-Kunst, östlicher Philosophie sowie lokalen und rituellen Tänzen aus aller Welt schlägt – präsentiert demnächst ihre beiden neuesten Werke „Twilight“ und „MUT“ im Old 505 Theatre in Sydney.
Die Choreografen und Tänzer Motoya Kondo und Tiziana Longo, die ihre Ausbildung in Japan absolvierten und ihre Werke seit nunmehr zehn Jahren zur Aufführung bringen, bewahren die Wurzeln im Schaffen der Butoh-Begründer und betten diese zugleich in den Kontext der breiteren Tanz- und Performanceszene ein, um Wege in die Zukunft zu weisen.
„Twilight“ bietet die seltene Gelegenheit, ihre visuell eindrucksvolle Tanzperformance als eine tiefgründige, archaische und kathartische Welt zu erleben. Das Publikum wird dabei in einen empathischen Ritualraum einbezogen, in dem die Grenzen des eigenen Ichs zu verschwimmen beginnen und der Dualismus sich auflöst.
Tänzer und Publikum, Mann und Frau, Mensch und Tier, Leben und Tod, Alles und Nichts – alles verschmilzt zu vagen Formen; Grenzen, Konturen, Gestalten und Farben lösen sich gänzlich auf.
Wie eine Fata Morgana erwacht eine neue Landschaft zum Leben – ein heiliger Raum, den das Publikum betreten kann und der durch den Tanz als Spiegel für die eigene Reflexion fungiert. Die eigenständige Bewegungssprache, reich an kraftvollen Bildern und einer besonderen Ästhetik, entfaltet sich als vielstimmige, reine Bewegung – wie ein unaufhörlicher Strom, der gewöhnliche Rhythmen und Choreografien hinter sich lässt und in dem Reales und Mythisches jenseits des Bewusstseins ineinanderfließen. Das Stück möchte der von Konflikten zwischen Individuen, Nationen und Religionen geprägten heutigen Gesellschaft einen Zufluchtsort bieten, indem es die Verbindung zu einer tiefen körperlichen Realität sowie zu einer noch tieferen, traumartigen und vergänglichen Welt herstellt.
Deutschland
Theater Delphi, Berlin 20.-22. September 2019
Acker Stadt Palast in Berlin 7. Oktober 2016 & 30. Oktober 2017
Festival LuckyTrimmer im Sophiensaale in Berlin 25. und 26. März 2016
Kein Ballett Internationales Festival in Ludwigsburg 2016
Kultura Extra
Andre Sokolowski

Foto Rebecca Stella


Foto Rebecca Stella
Foto Rebecca Stella
Es beginnt in einem schnellen Stockdunkeln, unter lauter tropfenden Geräuschen:
Nach und nach werden wir Zuschauenden, Zuhörenden in den völlig abgedunkelten Vorführungsraum des Ackerstadtpalastes hinein einzelngeleitet - eine Mitarbeiterin des Hauses sekundiert uns mit der Taschenlampe; absolutes Ruhigsein wurde uns bereits vor dem Einlass gebissen auferlegt...
Dann - zu Beginn von Twilight - dieser anhaltende Tropfen. Wie als wärest du in einem feuchttropenem Biotop, inmitten eines Regenwalds...
Allmählich zieht so was die fernlichtene Dämmerung herauf - im Hintergrund wird ein davon- oder vorbeiziehendes Kurzgewitter simuliert (Licht: Hendrik Haupt / Komposition und Live-Musik: Hoshiko Yamane)...
Erseh-, erahnbar ist ein in sich un- und überschlung'nes Menschenpaar, was mittels seiner Hand-, Fuß-, Arm- und Beinbewegungen eine sich ruckhaft öffnende und hiernach wieder schließende Pflanzengestalt darstellt...
Werden und Sein und endendes Vergehen...
Motoya Kondo & Tiziana Longo (diese zwei PerformerInnen) wiegen, strecken, bäumen, wackeln, zittern ihre beiden Körper, dass man stellenweise meint, es wären dehn- und schlenkerbare Gummipuppen, die sich so vor ihrem Publikum entfalten; Ihr erzeigtes Glieder-, Rumpfarbeiten lässt uns einen Grad an Körperbeherrschung erahnen, der schnell menschenunmöglich erscheint...
Erst ab der Hälfte dieses einstündigen Stücks wird sichtbar, wo und was die Köpfe der zwei TänzerInnen sind - sie hatten ihre langen schwarzen Haare während der Performance über ihr Gesicht "gehängt"...
Aus Blumenblüten exponieren Menschen oder umgekehrt...
Der dritte der drei musikalischen Akustik-"Blöcke" klingt etwas wie Arvo Pärt - Hoshiko Yamane zaubert aus ihrer Bratsche schier betörende Musik...
Am Schluss (ohne Geräusche) steht das Paar Motoya Kondo & Tiziana Longo fern-stillschweigend vor uns, mit dem Rücken an der Wand...
Großartig!!!!

Foto Irigenia ProudActions
SPAGHETTI
Tatwerk Performativ Forschung, Berlin, 23. November 2019
Konzept, Choreographie und Tanz von Tiziana Longo (Motimaru)Musikkomposition: Ilya Gertman
INTERVIEWS:
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